St. Galler Tagblatt: 13. Juni 2009:Appenzellerland
Bescheidene Börsianer
Nähen, Fahren, Reparieren, Organisieren: Martin Gerber, Christine Frischknecht, Lotti Schenkel und Armin Krucker † (von links) bringen ihre Talente in die Zeitbörse ein
Am kommenden Mittwoch findet das nächste Tauschtreffen der Zeitbörse Herisau statt, die kürzlich ihren ersten Geburtstag feierte. Teilnehmen kann jedermann, der gerne gibt, aber auch nimmt.
PATRIK KOBLER HERISAU
Bis vor einem Jahr kannten sie sich nur flüchtig oder gar nicht. Jetzt sitzen sie vergnügt bei Kaffee und Kuchen im Garten zusammen: Christine Frischknecht, Lotti Schenkel, Martin Gerber und Armin Krucker. Kennengelernt haben sich die vier Hinterländer in der Zeitbörse Region Herisau.
Zeitbörsen gibt es in verschiedenen Orten und Städten Europas. Dank der Stiftung Benevol seit Anfang 2008 auch in der Stadt St. Gallen. Im Laufe des Jahres kamen weitere Regionalgruppen dazu – unter anderem in Herisau.
Die Idee ist einfach: Es gibt viele Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen Unterstützung und Hilfe brauchen. Wer jemandem hilft, kann von jemand anderem eine andere Leistung in Anspruch nehmen. Das besondere an der Zeitbörse ist, dass sie keine finanzielle Entlöhnung vorsieht, sondern auf Zeitgutschriften basiert.
Grosse Auswahl
Von jeder Menge solcher Tauschgeschäfte kann die Kaffeerunde berichten. Martin Gerber bietet grundsätzlich nur Sachen an, die ihm selber Freude machen: Töfffahren zum Beispiel. Er bietet Interessierten an, ihn auf Ausfahrten zu begleiten. Für die Zeit, die ihm dabei gutgeschrieben wurde, nahm er auch schon die Künste von Lotti Schenkel in Anspruch. Die ehemalige Telefonseelsorgerin ist flink mit Nadel und Faden und nähte kürzlich Gerbers Töffkombi. Armin Krucker hingegen ist mehr der Handwerker, der kleinere und mittlere Reparaturarbeiten in und ums Haus ausführt. Die Auswahl an Angeboten ist riesig und reicht von Allergie-Beratung bis Zeitung vorlesen. Zusammengefasst werden sie in der Marktzeitung, wo auch die Spielregeln der Zeitbörse aufgeführt sind. Darin ist festgehalten, dass in der Regel nicht mehr als sechs Stunden freiwilligen Arbeit geleistet werden soll. Deshalb steht die Zeitbörse auch nicht in Konkurrenz zu gewerblichen Anbietern. Vielmehr sei es eine erweiterte Nachbarschaftshilfe, sagt Christine Frischknecht. Der Tausch ist in der Regel über die Regionalgrenzen hinaus möglich. Naheliegender sei indes, dass Tauschgeschäfte innerhalb eines Quartiers, einer Stadt oder einer Region getätigt werden. Freilich ist es kein Problem, an den Tauschtreffs in St. Gallen teilzunehmen. In Ergänzung zur Marktzeitung und der Tauschbörse im Internet finden monatlich eigentliche Märkte statt, an welchen Tauschgeschäfte eingeleitet und soziale Kontakt geknüpft werden können. In Herisau steht am kommenden Mittwoch, 18.45 Uhr, Casino, das nächste Tauschtreffen an. Nach einem vorgängigen Anmeldegespräch werden bei dieser Gelegenheit jeweils auch die neuen Mitglieder und ihr Angebot vorgestellt.
Soziale Kontakte
Ein Jahr nach der Gründung zählt die Zeitbörse Herisau bereits über 50 Mitglieder von Jung bis Alt. Gemäss Christine Frischknecht, die mit Lotti Schenkel und zwei weiteren Frauen die Mitglieder betreut, handelt es sich dabei vorab um unkomplizierte Leute, die vor allem gerne geben. «Beim Nehmen sind sie dafür eher zurückhaltend.» Das bedauert sie, weil ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen am idealsten wäre. Besonders schätzen die vier Zeitbörsianer die sozialen Kontakte, die durch Tauschgeschäfte entstehen. Man lerne die Leute aus dem Dorf besser kennen, sind sie sich einig. Inzwischen treffen sie sich hin und wieder auch privat – ganz ohne Zeitgutschriften. Und so werden zwischen Kuchen und Kaffee eifrig Pläne geschmiedet. An Ideen mangelt es ihnen nicht.